„Es ist eine weit verbreitete Ansicht, dass Senioren mürrisch und nörgelig sind, doch in Wirklichkeit hat man Angst vor dem Alter. Mit der Zeit glaubt man, dass man für niemanden mehr gebraucht wird, wertlos ist und zu nichts mehr fähig ist. Dann beginnt man zu denken, dass man in diesem Leben nichts mehr erreichen kann, dass es Zeit ist, sich zur Ruhe zu setzen. Und in dieser Stimmung lebt man dann noch zwanzig Jahre weiter.“ So Ieva Čerbulienė, vom psychologischen Hilftelefon „Silberne Linie“ (Sidabrinė linija) im Interview für das Nachrichtenportal Bernardinai.
Dieses Klischeebild ist immer noch stark in Litauen verbreitet – sowohl in der Gesellschaft als auch im Selbstbild. Die Situation ändert sich allerdings. Nur nicht so schnell, wie man sich wünscht. Das bestätigen auch die Daten der Europäischen Umfrage zu Gesundheit, Alterung und Ruhestand (Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe – SHARE). Die Lebenszufriedenheit der über 65-jährigen Einwohner Litauens ist seit 2017 gestiegen, gehört aber immer noch zu den Geringsten unter den Europäern.

Foto: Pixabay
„Das habe ich noch nie gesehen“
Es war ein Sommertag in Hamburg. Ich und meine Mutter waren entlang der Elbe spazieren und beobachteten die Senioren aus dem nahegelegenen Seniorenheim. Einige mit Rollatoren, einige mit Stöcken, einige ohne, aber alle Damen (nur sie haben wir in dem Moment gesehen) waren feierlich gekleidet, mit Frisuren und Perlenketten. „Das habe ich noch nie gesehen“, stellte meine Mutter fest und staunte über die in dem Moment vor Freude strahlende Senioren. Dafür brauchten die Bewohner des Seniorenheimes nur einen Ausflug, um sich schick zu machen. Meine Mutter kannte es nicht, denn das ist kein übliches Bild in Litauen. Ich auch nicht. Erst in Deutschland gewöhnte ich mich an diesen Anblick und an den Satz: „Seitdem meine Eltern in Rente sind, sehe ich sie kaum“. „Wie bitte?“, fragte ich, als ich das das erste Mal von meiner Kollegin zu hören bekam. In meiner Welt hat man von Senioren ein komplett anderes Bild: vergessen, still, zurückhaltend, arm und unsichtbar. Man sieht sie kaum auf den Straßen beim Ausgehen, in den Cafès sowieso nicht, auch nie als Kellner im jungen Rentenalter, selten in den Theatern. Im Fernsehen stehen junge Kolleginnen vor der Kamera.
Unterschiede zwischen Generationen
„Die Generationen ändern sich, die stille Generation, die 1945 geboren wurde, ist nun zu Ende gegangen“, sagt Zita Žebrauskienė, die Rektorin der Universität Medardas Čobortas. Diese seit 30 Jahren existierende Uni ist nur für Menschen ab 50 Jahren gedacht. Aber dazu komme ich später. Zu dieser Generation gehörte auch meine Oma (Jahrgang 1919), die aus Stolz nie einen Rollator haben wollte. Ihr Argument: Was würden die Nachbarn über sie denken? Stattdessen hat sie sich entschieden, ihre letzten schwachen Jahre im Haus zu verbringen. Ohne rauszugehen.
Nun beobachte ich meine Mutter, eine frischgebackene Rentnerin. Und da sehe ich ein anderes Bild: fit, interessiert, glücklich und neugierig. Sie hat es gut, kann man denken. Vielleicht ist es tatsächlich so. Sie wohnt in Klaipėda, in der Hafenstadt. Mein Bruder wohnt um die Ecke, und ihr größtes Glück sind ihre zwei Enkelinnen, die sie immer noch brauchen. In Klaipėda braucht sie kein Auto. Es gibt gute Verbindungen in und außerhalb der Stadt. Sie ist mobil. Ich will nicht wissen, was wäre, wenn sie in meiner Heimatstadt Naujoji Akmenė geblieben wäre. Meine Mutter fährt kein Auto und die Busverbindungen in die anderen Städte sind miserabel. Sie fährt kein Auto, und das ist üblich bei Frauen ab 60 Jahren. Den Führerschein machten fast nur Männer in sowjetischen Zeiten. Erst nach der Unabhängigkeitserklärung holten einige Frauen es nach.

Foto: D. Umbrasas / LRT
Stadt vs. Land
Von guten Busverbindungen sind alle Dörfer und kleinere Städte in Litauen abhängig. Diese sind jedoch alles andere als gut. Das Interesse von Senioren an mehr als nur eigenem Zuhause und Garten ist da, aber die Mobilität ist eingeschränkt.Das bestätigen auch die Ergebnisse der europäischen Umfrage SHARE.
Aber diejenigen, die auf dem Land oder ländlicher leben, leiden weniger an der Vergessenheit, beobachtet Ieva Čerbulienė, Mitarbeiterin des psychologischen Hilfelefons „Silberne Linie“. Im Interview für das Nachrichtenportal Bernardinai erzählte sie: „In kleineren Ortschaften gibt es Gemeinschaften, die Einwohner kennen sich untereinander und bemühen sich, einander zu helfen. Manchmal kommt es vor, dass der Postbote, wenn er die Rente austeiltt, im Laden vorbeischaut und Milch für einen Senior kauft.“ Deswegen bekommen die Ehrenamtlichen bei der Silberne Linie am meisten Anrufe von Senioren aus der Stadt. Allein, wenn es keinen Fahrstuhl gibt, ist das Grund, warum sie ihr Zuhause nicht verlassen und so isolieren sie sich von der Welt.
Immer glücklicher
Aber das Glück der älteren Menschen steigt jedes Jahr in Litauen. Diese Steigerung beobachtet man vor allem seit 2017, als die Regierung anfing, die Renten zu erhöhen. Anfangs gaben fast 19 Prozent der Rentner an, über die Runden zu kommen. Fünf Jahre später waren es nur noch 8 Prozent. Die durchschnittliche Rente heute: 673 €. Es ist immer noch wenig, aber mindestens eine Sache entfällt: die Miete, weil die Senioren in Eigentumswohnungen und -häusern wohnen. Was sie noch sehr gut können: Sie sind sehr sparsam. Litauen gehört zu den Ländern, in denen ältere Menschen nur geringe Schulden haben.
Laut der SHARE-Umfrage gibt es mehr Bereiche, wo die Zahlen nach oben steigen sollten. Nur 10 Prozent der älteren Menschen engagieren sich ehrenamtlich. Was die Gesundheit der Senioren betrifft, sieht es nicht so gut aus. In Sache Gesundheit schätzen sie ihre eigene sehr schlecht ein. Die Praxis zeigt, die Ärzte ignorieren oder nehmen die Beschwerden der älteren Menschen in den häufigen Fällen nicht ernst.
Es gibt Hoffnung
Das Bild der Rentner ändert sich, jedoch langsam. Die europäische Gesellschaft altert und Litauen ist da auch keine Ausnahme. Im Jahr 2030 werden voraussichtlich fast 24 Prozent der ständigen Einwohner Litauens ältere Menschen sein. So wie in Deutschland. Aber vielleicht ändert sich mit der Zeit auch das eigene Selbstbild der Rentner. Ich bin der Meinung, die Seniorenuniversität kann dazu viel beitragen.

Foto: A. Kripaitė / 15min.lt
„Universität des dritten Lebensalters“ heißt diese Uni offiziell, oder auf Litauisch: Trečiojo amžiaus universitetas. Es gibt 54 Filialen mit insgesamt 14 Tausend Studenten und Studentinnen Ü50, die Spaß am Lernen und Beisammensein haben. Sie reisen, sie lernen und sind nie allein. Schon, wenn man sich anschaut, was sie alles beigebracht bekommen – Haushaltskultur, Informationstechnologien, Geschichte, Kultur, Literatur, Kunstpädagogik, Politik, Recht und Wirtschaft, Psychologie, gesunde Lebensweise, Volkskunst, Tourismus und Fremdsprachen – verliert das Altwerden seinen Schrecken.











