Wenn für das Radiohören bestraft wird

von | Feb. 1, 2026

In unserem Wohnzimmer stand ein sehr großes Radio, das leuchtete, wenn es angemacht wurde. Ich liebte es, es zu beobachten, und versuchte als Grundschülerin immer wieder, durch das Glas hineinzuschauen, weil ich sicher war, dass in diesem Radiogerät Menschen sitzen, die ich leider nicht sehen kann. 

In der Küche hing ein anderes Radiogerät, das gefühlt immer eingeschaltet war. Und wenn ich allein in der Küche war, war ich sicher, ich müsse mich benehmen und ordentlich essen, weil die Menschen, die im Radio sprechen, mich sehen. 

Das Radio begleitete mich im Alltag. Für Litauen ist es auch ein wichtiger Akteur. In der litauischen Geschichte spielte es eine sehr große Rolle: in den Jahren des Umbruchs und als das Land hinter dem Eisernen Vorhang lag. Und weil das litauische Radio sein 100-jähriges Jubiläum feiert, nehme ich es als wichtigen Grund, über das Radio in Litauen zu sprechen.  

Punkt
Taškas (zu Deutsch: Punkt) –  so nennen die Litauer*innen der älteren Generation das Radiogerät bis heute. Da, wo der nationale Rundfunk läuft, da, wo früher – zu den Anfängen des Radios  und später in den sowjetischen  Zeiten –  der einzige Rundfunk zu hören war. 

Drei Jahre nachdem Deutschland eine regelmäßige Radioübertragung bundesweit bekam, war Litauen dran. Im Juni 1926 begrüßte eine litauische Stimme aus der damaligen litauischen Hauptstadt Kaunas über das Radiogerät die litauische Bevölkerung und das war der Anfang für regelmäßige litauische Radiosendungen. Im ersten Jahr schaltete man das Radio für 1,5 Stunden ein, zwei Jahre später lief das Programm den ganzen Tag. 

Mitarbeitende der ersten litauischen Radiostation in Kaunas, 1926.
Foto: Lietuvos centrinis valstybės archyvas.

Auch wenn das Radiogerät einem Technikwunder entsprach und deswegen nicht jeder eins besaß, war der Rundfunk eine sehr wichtige Quelle für die Nachrichten. Denn zu diesen Zeiten waren ein Drittel der Litauer*innen Analphabeten. Erst im Jahr 1922 hat die vier Jahre junge litauische Republik die Schulpflicht eingeführt. Zum Vergleich: Im Jahr 1940 waren es nur noch zwei Prozent, die nicht lesen und schreiben konnten. 

Im Jahr 1940 änderte sich die Situation komplett. Mal die Sowjets, mal die Nazis und dann wieder das sowjetische Regime bestimmten den Inhalt des litauischen Radios. So ging es insgesamt 50 Jahre lang. Aber hier mischten sich die USA ein. Sie hatten verstanden, dass es nur einen Weg gibt, um die Menschen hinter dem Eisernen Vorhang zu erreichen, und das ist ein alternativer Radiosender. Die Idee war nicht komplett neu. Die BBC hat bereits in nationalistischen Zeiten für Deutschland ein Programm entwickelt, das der Propaganda entgegenwirkte. 

Stimmen von der anderen Seite
Voice of America (auf Litauisch Amerikos balsas) war seit 1951 die Verbindung der Litauerinnen zur Welt außerhalb der sowjetischen Informationskontrolle. Jeden Abend um 20 Uhr und später zusätzlich um 23 Uhr begrüßten litauische Stimmen aus New York die Hörer*innen und präsentierten 15 Minuten lang Nachrichten ohne Propagandafilter.

Der Sender war an die politischen Richtlinien der USA gebunden, dennoch galten in den Redaktionen hohe journalistische Standards. Insgesamt strahlte Voice of America sein tägliches Programm in fast 50 Sprachen aus.

Neben Voice of America gab es noch einen weiteren von den USA finanzierten Radiosender – Radio Free Europe, dessen Hauptsitz sich in München befand. Mit viel Überzeugungskraft der litauischen Auswanderer wurde die litauische Redaktion gegründet, und zwar im Jahr 1974. 

Hohe Kosten
Das Radio-Projekt war mit hohen Kosten verbunden: nicht nur für die USA, sondern auch für die Sowjetunion. Für die USA, um die Redaktionen zu finanzieren und den Empfang zu verbessern, für die Sowjetunion, um den Empfang zu blockieren. Man behauptet, das war das teuerste Projekt für die Sowjets. Schätzungsweise hat dies ungefähr 1,2 Milliarden US-Dollar pro Jahr gekostet. Denn blockieren musste man mehrere Radios aus dem Westen: Radio Vatikan auch mit der litauischen Redaktion mit dem christlichen Inhalt ( Ich habe eine Podcastfolge mit einem ehemaligen Mitarbeiter), Deutsche Welle, Radio Liberty, Musiksendungen im Radio Luxembourg und BBC

Trotz hohen Kosten und Mühen war das Blockieren schwierig. Die USA verbesserten die Technik und die Menschen fanden immer wieder eine neuen Weg, die Nachrichten aus dem Westen zu hören. Je weiter man von der Großstadt entfernt war, desto besser wurde der Empfang. Der geeignetste Ort für die Menschen aus den Großstädten war der Kleingarten. Die Sendungen wurden selten alleine angehört, weil nicht jeder ein Radiogerät hatte. Dabei erwischt zu werden, war gefährlich. Und trotzdem haben die Leute weitergemacht. Es ging nicht nur darum, richtig informiert zu werden, sondern auch um im Radiokontakt mit den Litauern zu bleiben, die aus Litauen vor den Sowjets geflohen sind. Unter ungefähr 300 Tausend Menschen waren viele Intellektuelle, bekannte Politiker, Schriftsteller, Akademiker, Professoren, die auch immer wieder im Radio zu hören waren. Manchmal erzählten sie über ihren Alltag in Amerika. Am 16. Februar erinnerten sie an den litauischen Unabhängigkeitstag. 

In Zeiten des Umbruchs
Die Wissenschaftler sind der Meinung, dass das Radiohören aus dem Westen sehr dazu beigetragen hat, dass der Freiheitsgeist unter den Litauer*innen immer am Leben erhalten wurde.

Als man in den 80er  Jahren immer mutiger sprechen konnte und als die drei baltischen Länder 1989 den Baltischen Weg organisierten, spielte das Radio erneut eine große Rolle. Diesmal aber das litauische Nationalradio. Dieses informierte im Vorfeld darüber und berichtete am Tag der Aktion. Trotz der Angst. 

Als im Januar 1991 sowjetische Soldaten das Fernsehgebäude besetzten, berichteten die Radiojournalisten, die sich zu diesem Zeitpunkt im Studio befanden, live darüber, was im Gebäude geschah. So lange, bis sie aus dem Studio vertrieben wurden.

Heute gibt es mehr als nur eine Radiostation in Litauen, ungefähr 50 nationale und regionale Sender. Viele von ihnen sind hier aufgelistet:
https://radijas.eu/

Die größte Anzahl an Hörer*innen hat der private Radiosender M-1. Aber unter den Top 5 steht auch das Nationalradio LRT. 

Bis heute ist das Radio morgens mein liebster Begleiter. Aber nicht mehr als Beobachter meines Benehmens. Das Radioprogramm gibt mir eine Orientierung, wie spät es ist, verbindet mich mit den Menschen draußen und informiert mich darüber, was in der Welt los ist. Ja, ich liebe Radio sehr. Und ihr?

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