Die Litauer sind wütend, genauer gesagt, die Leute aus Vilnius: Auf den Straßen hört man mehr Russisch, kaum Litauisch. Woran liegt das? Sind die geflüchteten Leute aus der Ukraine, Belarus und Russland zu faul, Litauisch zu lernen?
Die Sprache ist ein sensibles Thema in Litauen. Verständlich: Das Land ist klein und nur hier wird Litauisch gesprochen. Schätzungsweise noch 1 Mio. im Ausland sprechen diese baltische Sprache, so wie ich und die anderen Litauer, die ausgewandert sind (Ich erlaube mir, in dieser Zahl alle mitzuzählen, die Litauisch lernen).
Interessanterweise wurde Litauisch noch bis Mitte des 19 Jahrhunderts nur unter Bauern gesprochen. Die Intelligenten und Adligen konnten es nicht. Sie sprachen Polnisch. Dabei konnte man noch in den Städten viel Deutsch, Jidisch, Russisch hören. Ihre wichtige Bedeutung hat die litauische Sprache bekommen, als sie verboten wurde (von 1864 bis 1904). Man darf auch nicht vergessen: zu derselben Zeit erlebte ganz Europa eine starke Zunahme des Nationalpatriotismus. Die Länder haben verstanden, dass für die nationale Identität die Sprache sehr bedeutsam ist.

Foto: Ilona Krupavičienė
Litauisch als Waffe
Das lateinische Alphabet sowie die litauische Sprache hat der russische Zar untersagt – als Strafe, dass Litauer mehrere Aufstände gegen das Regime organisiert haben. Aber ausgerechnet dies hat die litauische Identität nur gestärkt. Zugleich wurde der Druck der litauischen Bücher und Zeitungen in Ostpreußen organisiert. Dort ist auch die erste litauische Zeitung „Aušra“ entstanden (in Tilsit, heutiges Kaliningrad). Litauische Intellektuelle, die in Ostpreußen lebten, waren der Hauptmotor dieser Bewegung und die Organisatoren, damit die litauische Schrift Litauer erreichen konnte. Es war sehr gefährlich, litauische Bücher zum Leser zu schmuggeln. Es war auch gefährlich, sie zu Hause zu haben. Heute sind der Buchträger (Knygnešys) sowie die Mutter, die ihren Sohn beim Weben in Litauisch unterrichtet, Symbole der litauischen Sprachen. Im Jahr 2004 nahm die UNESCO das Bücherschmuggeln in ihre Liste auf.

Foto: Kulturministerium Litauen
Staatssprache seit 1922
Erst vier Jahre nach der Wiederherstellung des litauischen Staates (1918) erhielt die litauische Sprache einen neuen offiziellen Status – sie wurde als Staatssprache anerkannt. Bis die Sowjets kamen.
In der Sowjetunion wurde die litauische Sprache allerdings nicht verboten. Sie war die zweite am meisten gesprochene Sprache neben dem Russischen. Russisch war die Amtssprache, aber nicht in den Schulen und nicht in der Presse. Die litauische Sprache wurde jedoch kontrolliert. Dafür wurden zwei Institutionen eingerichtet: die Sprachkommission und die Sprachinspektion. Sie existieren bis heute.
Sprache unter Kontrolle
Die Sprachkommission genehmigt heute unter anderem den Ersatz von Fremdwörtern und bewertet Wörterbücher. Die Sprachinspektion überwacht die Lage im öffentlichen Raum: Sprechen Journalisten im Nationalradio und -fernsehen korrekt? Entsprechen die Untertitel im Kino den Sprachnormen? Sie kontrolliert auch die Namen von Unternehmen, Institutionen und Organisationen. Anders gesagt sind diese Stellen die Sprachpolizei, denn sie haben die Macht, die Institutionen für Fehler zu bestrafen. Allerdings passiert es selten. Es wird nur auf die Fehler hingewiesen. Mittlerweile gibt es immer häufiger laute Stimmen, die sagen, die Inspektion muss es nicht mehr geben. „Es ist doch kein Verbrechen, die Sprache nicht nach den Normen zu nutzen“, sagen sie. „Warum wird man für die Sprache bestraft?“, fragen sie.
Litauisch ist Pflicht
Vor einem Jahr sorgte die Sprachinspektion für Angst. Diesmal gerichtet an Migrant*innen. Alle Einwanderer müssen nach einem Jahr Litauisch sprechen. Gibt es keinen Beweis für diese Kompetenz, wird der Arbeitgeber bestraft. Inzwischen wurde entschieden, ab Jahr 2026 das Sprachlevel A2 zu verlangen, und zwar von denen, die direkten Kundenkontakt haben. Mit diesem Level kann man über alltägliche Dinge sprechen, Dokumente ausfüllen und wichtige Informationen verstehen.

Foto: Pixabay
Zu viel Russisch?
Nun beschweren sich die Einwohner in Vilnius, vor allem über die herrschende russische Sprache. Es wird behauptet, die russischsprechende Migranten würden sich keine Mühe geben, Litauisch zusprechen. Leider kann ich dies nicht bestätigen, ich wohne nicht in Vilnius. Ich will auch nicht sagen, dass es unter den Einwanderern keinen gibt, der tatsächlich keine Lust auf das Sprachenlernen hat. Aber ich stelle eine andere Frage als Litauischlehrerin und stelle mich auf die Seite der Ausländer: Was machen die Einheimischen, damit die, die sich für das Leben in Vilnius entschieden haben, Litauisch sprechen? Aus der Erfahrung meiner Schüler*innen weiß ich, sobald nicht im fließenden Litauisch gesprochen wird, switchen z. B. die Kellner*innen ins Englische. Für die Generation, die Russisch kann, wird das Gespräch wahrscheinlich auf Russisch weitergeführt. Haben Litauer genug Geduld für ein langsameres Litauisch? Meine Überlegungen bestätigte die Litauischlehrerin Liucija Martinkevič in einem Interview für das Nationalradio LRT. Laut ihr lernen diejenigen viel schneller Litauisch, die nicht in der Großstadt leben. Das ist der Grund, warum wir (ich und meine Kollegin Viktorija) das Litauisch-Sommersprachcamp nicht in Vilnius, sondern in Anykščiai organisieren.
Meiner Meinung nach kann die Sprache von den Einwanderern verlangen – das kenne ich aus Deutschland sehr gut, und das ist gut so. Es ist auch wichtig, die Sprache zu schützen. Aber wo sind die Grenzen? Was ist der richtige Weg?
Was ist eure Meinung dazu?










