„Hunderte Bürger jagen einen Doppelmörder“, berichtete die Bild-Zeitung letztes Jahr im Dezember aus Litauen. Es ging los, als die Polizei die Gesellschaft um Hilfe bat, Hinweise über mögliche Standorte des Täters zu vermitteln. Schnell haben sich Freiwillige über eine App organisiert. Sie tauschten Standortdaten aus, übermittelten Hinweise und tatsächlich hatten sie den Mann noch am selben Tag, an dem die Tat begangen wurde, gefasst, .
Es mag für viele von euch befremdlich klingen, doch ein solches Vorgehen ist in der litauischen Gesellschaft inzwischen keine außergewöhnliche Aktion mehr: Wenn eine Tragödie in unmittelbarer Nähe eintritt, halten die Litauer zusammen. Trotzdem liegt der Bürgerbeteiligungsindex relativ niedrig. Woran liegt das?
Die Zivilgesellschaft ändert sich
Lange Zeit galt in der litauischen Gesellschaft ein Spruch: „Der Litauer freut sich, wenn es bei seinem Nachbar brennt“. Hart. Das klang für mich immer befremdlich, aber trotzdem dachte ich, dass es vielleicht teilweise stimmt. Ich zähle mich zu den empathischen und hilfsbereiten Personen. Aber die Frage: Würde mein Nachbar mir in der Not helfen?
Aktuell würde ich niemandem erlauben, diesen Spruch zu benutzen, denn man sieht, wie sehr Litauer bereit sind, anderen zu helfen. Es gibt mehrere Beispiele dafür. Vor ein paar Jahren hat die Polizei mit Hilfe der Zivilisten schnell einen Mann in Kaunas gefasst, der ein Mädchen entführt hatte. Als noch ein Jahr zuvor der 16-jährige Junge aus Vilnius eines Tages nicht nach Hause zurückkam und seine Familie in den Sozial Medien um Hilfe bat, wurde nochmal bewiesen, dass die Zivilgesellschaft aktiv ist. Schnell entstand eine Gruppe, die zusammen mit der Polizei nach Spuren gesucht hat. Allerdings hatte diese Geschichte keine Happy End. Erst einige Monate später hat der Fluss die Leiche angespült.
Wenn auch im wahren Sinne des Wortes das Haus brennt, organisieren Freunde eine Hilfe und richten ein Konto für die Spenden ein, damit die Betroffenen Unterstützung in ihrer Notlage bekommen. Als Russland die Ukraine angegriffen hat, standen Litauer ohne Zweifel an der Seite der Ukrainer und an dieser stehen sie bis heute. Zum Glück verlor der oben erwähnte Spruch seine Gültigkeit.. Aber warum ist die Bürgerbeteiligung nur 38,6 Prozent hoch? Weil es nicht nur um die Zivilgesellschaft geht.
Demonstrationen
Das Institut für Zivilgesellschaft (Pilietinės visuomenės institutas) berechnet diese Werte jährlich. Dabei untersucht es das bürgerliche Engagement: von Aktivitäten wie Kundgebungen, Petitionen bis zur Freiwilligenarbeit sowie der Mitgliedschaft in Nichtregierungsorganisationen. Außerdem wird das potenzielle Engagement erfasst, wie groß die Bereitschaft ist, sich künftig aktiv einzubringen. Ergänzend analysiert das Institut, wie hoch die Menschen die sozialen Risiken eines zivilen Engagements einschätzen: haben sie Angst dadurch, Drohungen zu erleben oder ihre Arbeit zu verlieren.
Ein spannender Aspekt: Großen Patriotismus und Liebe zum Heimatland zu zeigen, macht Litauern nichts aus. Es werden beide Unabhängigkeitstage groß gefeiert, jedes Jahr wird sich am 13. Januar (am Blutsonntag) daran erinnert, warum Litauen frei ist, mit großem Stolz wird das Wort Lietuva (Litauen) beim Liederfest gerufen. Eine litauische Flagge zu Hause zu haben, sie mitzutragen oder am Balkon aufzuhängen, ist eine selbstverständliche Sache. Für Außenstehende eine klare Botschaft: eine starke und stolze Gesellschaft. Immer wieder habe ich Diskussionen mit Deutschen, die Litauen gut kennen, geführt: Ist das noch im Patriotismus-Bereich oder kippt es in Richtung Nationalismus? Was schon gefährlich sein könnte. Aber sobald es um Proteste und Kundgebungen geht, wenn es um das Land selbst geht und um den Kampf für die eigenen Rechte, verhalten sich Litauer zurückhaltend.
Es klingt absurd. Es reicht, in die jüngere Geschichte zu schauen, um genügend Beweise dafür zu haben, dass Litauer demonstrieren können. Mutig bildeten die Baltenden baltischen Weg von Vilnius bis nach Tallinn, um ihren Widerstand gegen das sowjetische Regime zu zeigen. Nach der Unabhängigkeitserklärung standen Litauer vor dem Parlament und am Fernsehturm, um bewaffnete sowjetische Panzer zu stoppen.

Foto: A. Stanevičius
Aber mit dem Eintritt der Unabhängigkeit in den Alltag nahm die Haltung gegenüber den Protesten eine andere Form an. Auf die Demonstrationen zu gehen, hieß lange Zeit, ein außergewöhnliches, „extremes“ Mittel zu wählen. Das wurde nicht als übliche Form der politischen Beteiligung angesehen.
Meine persönliche Geschichte
Ich bin ein typisches Beispiel dafür. In meinem Leben war ich nur zweimal auf Demonstrationen. Mein erstes Mal war in Hamburg, als die Ukraine angegriffen wurde. Das zweite Mal – letzten Dezember in Vilnius, als es um Meinungsfreiheit und unabhängige Medien ging.

Foto: V. Ivanov (VŽ)
Alle anderen Möglichkeiten in Hamburg, an verschiedenen Protesten teilzunehmen, habe ich vermieden. Auch wenn ich immer wieder von meinen deutschen Freunden eingeladen wurde, mitzumachen, habe ich immer eine Antwort parat gehabt, warum ich nicht dabei sein konnte. Und jedes Mal habe ich damit gestruggelt und gefragt, was mit mir los ist. Ich habe meine Freunde darum beneidet, dass sie es als selbstverständlich nahmen, und ich es als … peinlich empfand. Ich kann meine Landsleute verstehen, dass sie wenig demonstrieren. Gleichzeitig wünsche ich uns, dass diese Form als Demokratiemittel in unseren Köpfen endlich anerkannt wird.
Das heißt nicht, dass es seit 1990 keine Proteste gab. Es gab genügend. Die Landwirten zeigten immer wieder ihre Unzufriedenheit, einige Male streikten Lehrer für ein würdiges Gehalt oder es fanden vereinzelte Proteste gegen verabschiedete Gesetze statt. Eine der größten Kundgebungen gab es im Jahr 2021. 10.000 Leute haben sich versammelt, um zu zeigen, dass es in Litauen nur ein Familienmodell geben kann: Vater und Mutter.
In den sowjetischen Zeiten führte jeder Widerstand meistens zu einem und demselben Ort: in die Psychiatrie. Heute werden die Protestierenden als Ungebildete abgestempelt , die sich unbegründet der Wirtschaft oder Politik widersetzen. So spiegeln es die Medien wider. Mit den Menschen, die Unzufriedenheit auf den Straßen zeigen, kommen die Politiker ebenso nicht klar. Sie reagieren auf die Proteste in der Öffentlichkeit abwertend. Vielleicht ist dies der Grund, warum die Litauer daran keinen Einfluss sehen oder warum sie sich nicht trauen, zu demonstrieren.
Hoffnung
Die Hoffnung für mehr Beteiligung an der Demokratie bringt die Bewegung, die letztes Jahr entstand. Als im Herbst bekannt wurde, dass der Kulturminister ein unerfahrener Geschäftsmann aus der populistischen Partei „Nemuno aušra„ wird, reagierten Kulturschaffende mit deutlichem Widerstand: Sie protestierten aktiv und einige der wichtigsten Veranstaltungen entzogen dem Präsidenten die Schirmherrschaft. Bereits nach 9 Tagen trat der umstrittene Minister zurück.
Danach folgten im Dezember neue Demonstrationen mit noch größeren Menschenmengen (laut Polizei: 10 Tausend, laut Telefonanbieter: 40 Tausend), als das Parlament die Kontrolle des Nationalsenders an sich reißen wollte. Diese Aktion hat Wirkung gezeigt. Die Gesetzesänderung bleibt erstmal aus.
Soziologen und Politikwissenschaftler sehen darin ein Zeichen der Hoffnung, denn auch Menschen, die sonst nie auf Demonstrationen gingen, haben deren Kraft nun gespürt. Und das will ich auch hoffen.











