Macht der litauischen Lieder

von | Mai 6, 2025

Was verbindet das Geschirrspülen mit diesem Text? Die Antwort: das Lied.

Macht der litauischen Lieder

Einer der schönsten Momente aus meinen Familienfeiern war der letzte – eigentlich langweiligste – Teil: Geschirr abwaschen. Es klingt absurd, wenn ich dies als schön bezeichne, aber das war der Moment, als die Frauen der Familie(ja, sehr klassisch) während dieser Arbeit zusammen gesungen haben. Wenn ich daran denke, bekomme ich feuchte Augen, weil ich jedes Mal, als kleines Mädchen, später als junge Frau, das so berührend fand. Heute auch noch. Beim Singen mit meinen Tanten entstand so viel Kraft und Magie: jede für sich und doch zusammen. Eine wäscht, die andere trocknet ab, noch eine stellt das Geschirr zurück in die Schränke und Oma, die sitzt, guckt zu und singt mit. Gesungen haben wir immer Volkslieder. 

Volkslieder 

Eigentlich könnte man meinen, ich beschreibe eine typische litauische Familie. Wir Litauer sind ja bekannt als Nation der Singenden Revolution. Die Situation ist anders. Keiner meiner engsten Freunde kann die gleiche Geschichte erzählen. Und trotzdem spielen Lieder eine wichtige Rolle in der litauischen Geschichte.

Es gibt bestimmte Volkslieder, die jeder kennt. Neulich habe ich dies in einem winzigen Hamburger Kino vor dem Beginn eines litauischen Filmes erlebt. Jemand hat angefangen zu singen „Ant kalno mūrai joja lietuviai …“ und der ganze Saal sang mit:  https://www.youtube.com/watch?v=mdZ_dfL8jmY. Auch wenn das Lied am häufigsten von angetrunkenen und betrunkenen Feiergästen gesungen wird (nicht im Kino), habe ich trotzdem gedacht: So erkennt man einen Litauer – er singt gerne zusammen mit anderen.

Die Volkslieder sind ein wichtiger Bestandteil gemeinsamer Treffen: heute bei Familientreffen oder bei öffentlichen Veranstaltungen, früher als Begleiter bei der Arbeit auf den Feldern und auf Festen. Die Natur, das Leben, die Liebe und viel über den Krieg – das sind die Themen in den Volksliedern. Die Symbole aus der Natur in den Songs werden in der Sowjetzeit beim heimlichen Widerstand helfen.

Das Phänomen der traditionellen litauischen Musik

Einige Lieder haben einen besonderen Status: Den Prozess beschreiben wir nicht mit dem Wort dainuoti, sondern mit dem Wort giedoti (beide Wörter bedeuten „singen“). Giedoti gilt für Kirchenlieder, die Hymne und Sutartinės. Letztere sind mehrstimmige Volkslieder aus der Region Aukštaitija (Nordosten und Osten) noch aus den heidnischen Zeiten. Man beschreibt sie als Phänomen der traditionellen litauischen Musik. Sie sind für mich sehr magisch. Was macht sie so besonders? Hier ist das Zitat aus Wikipedia: „Üblicherweise erklingen zwei Stimmen gleichzeitig. Bei den gesungenen Sutartinės trägt die Hauptstimme den Liedtext vor, während die zweite Stimme einen Refrain dazu liefert.“ Seit einiger Zeit gehören Sutartinės zur UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit. Hier könnt ihr sie euch anhören. Laurita ist eine echte Botschafterin dieser besonderen Volkslieder

Liederfest

Im Jahr 1924 bekam das litauische Lied einen neuen Status und eine große Bühne.  Seit 100 Jahren singen tausende Litauer*innen zusammen anlässlich des Dainų šventė (Liederfests).  Abgeguckt bei oder inspiriert von den baltischen Nachbarn: In Estland findet das Liederfest seit 1869 statt und in Lettland seit 1873. Über die Jahre hat sich die Dauer des Festes verändert: Aus einem Tag sind sieben Tage entstanden. Neben den Sängern bekamen Volkstänzer sowie Bläser, Folklore und Kanklės (siehe im Foto) einen festen Platz im Programm. Letztes Jahr haben 9.000 Sänger*innen am Hauptiedertag gesungen: Litauer*innen aus Litauen und aus der ganzen Welt. Sogar wenn man sich das Konzert auf dem Bildschirm anschaut, bekommt man Gänsehaut.
https://www.youtube.com/watch?v=UHBNIU4GOts&t=14s 

In der Sowjetzeit wurde das Liederfest nicht verboten, sondern sogar gefördert. Das sowjetische Regime hat es für seine eigene Propaganda genutzt. Neue Lieder wurden erlaubt, aber die Texte wurden streng kontrolliert. Als „nicht gefährliche“ Songs wurden die Lieder, die die Natur besangen, eingestuft. Dies war für Litauer wie ein Anker, ihre eigene Identität nicht zu verlieren. Eines von den Liedern ist eine heimliche Hymne des Liederfests geworden. Eichen, Fluss Nemunas (Memel) und Wald stehen im Mittelpunkt. Sie sind die litauischen Kraft- und Nationalitätssymbole aus den Volksliedern. Die Experten sagen: Beim Liederfest wurde die Singende Revolution geprobt. 

Litauisches Liederfest „Dainų šventė“.
Foto: Lietuvos nacionalinis kultūros centras

Widerstand als Punk-Rock 

In den 80er Jahren bekommt das litauische Lied, das inneren Widerstand leistete, eine neue Form – Punk-Rockmusik. Eine der bekanntesten Bands war „Antis“ (zu Deutsch: Ente), die Lieder mit zweideutigen Texte schrieb. Eigentlich wollten diese Architekturstudenten nur für Student*innen an der Universität mit Musik experimentieren. Aber sie sind schnell ein Symbol der Unabhängigkeitsbewegung geworden. Der Frontmann Arvydas Kaušpėdas erzählte in einem Interview über den bekanntesten Song „Ne tau, Martynai, mėlynas dangus“ (zu Deutsch: Martynas, der blaue Himmel ist nicht für dich?): „Es ist ein Widerstandslied, denn die ganze Propaganda sagte: „Martynas, du hast einen sehr blauen Himmel. Und plötzlich bestreitet dies jemand und sagt, dass  Martynas nichts Gutes passieren wird. Jeder verstand die Ironie, auch wenn es ein Scherz war.“
https://www.youtube.com/watch?v=z1Y6_8L15U0 

In dieser Welle entstanden mehrere Punk- und Rockbands. Dies führte zu einem neuen und derzeit  mutigen Musikformat: dem Musikfestival Roko maršai, das von 1987 bis 1989 in verschiedenen litauischen Städten stattfand. Auf diesem Festival gab es nicht nur Musik, sondern zum ersten Mal auch Äußerungen gegen das sowjetische Regime. Menschen haben Roko maršai als viel mehr als nur ein Musikfestival wahrgenommen. Das war ein Ort, der die Grenzen des Denkens erweiterte, eine alternative Denkweise und eine Möglichkeit, anders zu sein, vermittelte. Es war ein wichtiger Teil der Bewegung, der Litauen am 11. März 1990 zur Unabhängigkeit  verholfen hat. 

Unabhängigkeitslieder

Die ersten Jahre der Unabhängigkeit sind wie ein Zeitraum für sich: politisch, wirtschaftlich, kulturell und musikalisch. In dieser Zeit sind Popsongs entstanden, die vor allem das Gefühl von Zusammengehörigkeit stärkten. Bis heute. Sie werden heute häufig nur zu besonderen Feiern und Anlässen gehört und gemeinsam gesungen, meistens bei den Unabhängigkeitsfeierlichkeiten. Wenn ihr einmal die Gelegenheit habt, an so einem Fest teilzunehmen, schaut euch um. Achtet auf die Gesichter – ihr werdet spüren, wie sehr diese Songs die Litauer*innen auch heute noch bewegen.(Hier geht’s zur Playlist, die ich extra dafür zusammengestellt habe.)

Und heute?

Heute ist der litauische Text wieder ein wichtiges Identitätssymbol in den Popsongs. Lange galt dies als nicht tüchtig genug für die internationalen Bühnen. Der Eurovision Song Contest gehört zu den wichtigsten Ereignissen des Jahres. Die beliebtesten Shows im Fernsehen sind Musikshows: „Dainuoju Lietuvą“ (zu Deutsch: Ich singe Litauen), „Dainuok su manimi“(zu Deutsch: Sing mit mir), „Lietuvos balsas“ (The Voice) etc.

Die Elemente aus den Volksliedern finden immer mehr Platz in der modernen litauischen Musik. Und das kommt gut an. Der neueste Hype ist DJ Kaziukas: Eine junge Folklorgruppe, die litauische Songs im Folklor-Style singt . 

Warum erzähle ich euch das alles? Weil es in diesen 30 Jahren auch mal anders war. Zum Glück hat sich das geändert, da es sonst sehr schmerzhaft wäre , die Bedeutung der litauischen Folklore zu verlieren.

Was sich nicht geändert hat, ist meine Freude beim Geschirr abwaschen. Auch wenn ich dabei nicht singe, erlebe ich diesen Prozess immer noch als Meditation.

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